Kurt Tucholsky
Ein Klassiker der Reiseliteratur – mit einem Augenzwinkern
Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.
„Alice! Peter! Sonja! Legt mal die Tasche hier in das Gepäcknetz, nein da! Gott, ob einem die Kinder wohl mal helfen! Fritz, iss jetzt nicht alle Brötchen auf! Du hast eben gegessen."
Wenn du reisen willst, verlange von der Gegend, in die du reist, alles: schöne Natur, den Komfort der Grossstadt, kunstgeschichtliche Altertümer, billige Preise, Meer, Gebirge – also vorn die Ostsee und hinten die Leipziger Strasse. Ist das nicht vorhanden, dann schimpfe.
Wenn du reist, nimm um Gottes willen keine Rücksicht auf deine Mitreisenden – sie legen es dir als Schwäche aus. Du hast bezahlt – die anderen fahren alle umsonst. Bedenke, dass es von ungeheurer Wichtigkeit ist, ob du einen Fensterplatz hast oder nicht; dass im Nichtraucher-Abteil einer raucht, muss sofort und in den schärfsten Ausdrücken gerügt werden – ist der Schaffner nicht da, dann vertritt ihn einstweilen und sei Polizist, Staat und rächende Nemesis in einem. Das verschönt die Reise. Sei überhaupt unliebenswürdig – daran erkennt man den MANN.
Im Hotel bestellst du am besten ein Zimmer und fährst dann anderswohin. Bestell das Zimmer nicht ab; das hast du nicht nötig – nur nicht weich werden.
Bist du im Hotel angekommen, so schreib deinen Namen mit allen Titeln ein… Hast du keine Titel… Verzeihung… ich meine: wenn einer keine Titel hat, dann erfinde er sich einen oder besser gleich zwei. Schreib nicht „Kaufmann", schreib: „Generaldirektor". Das hebt sehr. Geh sodann unter heftigem Türeschlagen in dein Zimmer, gib um Gottes Willen dem Dienstmädchen, von dem du ein paar Kleinigkeiten extra verlangst, kein Trinkgeld, das verdirbt das Volk; reinige deine staubigen Schuhe mit dem Handtuch, wirf ein Glas entzwei (sag es aber keinem), und begib dich sodann auf die Wanderung durch die fremde Stadt.
In der fremden Stadt musst du zuerst einmal alles genauso haben wollen, wie es bei dir zu Hause ist – hat die Stadt das nicht, dann taugt sie nichts. Die Leute müssen also rechts fahren, dasselbe Telefon haben wie du, dieselbe Anordnung der Speisekarte und dieselben Retiraden. Im Übrigen sieh dir NUR die Sehenswürdigkeiten an, die im Reiseführer stehen. Treibe die Deinen erbarmungslos an alles heran, was im Reiseführer einen Stern hat – lauf blind an allem anderen vorüber, und vor allem: rüste dich richtig aus. Bei Spaziergängen durch fremde Städte trägt man am besten kurze Gebirgshosen, einen kleinen grünen Hut (mit Rasierpinsel), schwere Nagelschuhe (für Museen sehr geeignet), und einen derben Knotenstock. Anseilen nur in Städten von 500'000 Einwohnern aufwärts.
Wenn deine Frau vor Müdigkeit umfällt, ist der richtige Augenblick gekommen, auf einen Aussichtsturm oder das Rathaus zu steigen; wenn man schon mal in der Fremde ist, muss man alles mitnehmen, was sie einem bietet. Verschwimmen dir zum Schluss die Einzelheiten vor Augen, so kannst du voller Stolz sagen: ich hab's geschafft. Mach dir einen Kostenvoranschlag bevor du reist, und zwar auf den Cent genau, möglichst um 100 Euro zu gering – man kann da immer einsparen. Dadurch nämlich, dass man überall handelt; dergleichen macht beliebt und heitert überhaupt die Reise auf. Fahr lieber noch ein wenig weiter als es dein Geldbeutel gestattet, und bring den Rest dadurch ein, dass du zu Fuss gehst, wo die Wagenfahrt angenehmer ist; dass du zu wenig Trinkgeld gibst; und dass du überhaupt in jedem Fremden einen Aasgeier siehst. Vergiss dabei nie die Hauptregel jeder gesunden Reise: Ärgere dich!
Sprich mit deiner Frau nur von den kleinen Sorgen des Alltags. Koch nochmal allen Kummer auf, den du zu Hause im Büro gehabt hast; vergiss überhaupt nie, dass du einen Beruf hast.
Wenn du reisest, so sei das erste, was du nach jeder Ankunft in einem fremden Ort zu tun hast: Ansichtskarten zu schreiben. Die Ansichtskarten brauchst du nicht zu bestellen: der Kellner sieht schon, dass du welche haben willst. Schreib unleserlich – das lässt auf gute Laune schliessen. Schreib überall Ansichtskarten: auf der Bahn, in der Tropfsteingrotte, auf den Berggipfeln und im schwankenden Kahn. Brich dabei den Füllbleistift ab und giess Tinte aus dem Federhalter. Dann schimpfe.
Das Grundgesetz jeder richtigen Reise ist: es muss was los sein – und du musst etwas „vorhaben". Sonst ist die Reise keine Reise. Jede Ausspannung von Beruf und Arbeit beruht darin, dass man sich ein genaues Programm macht, es aber nicht einhält – hast du es nicht eingehalten, gib deiner Frau die Schuld.
Verlang überall ländliche Stille; ist sie da, schimpfe, dass nichts los ist. Eine anständige Sommerfrische besteht in einer Anhäufung derselben Menschen, die du bei dir zu Hause siehst, sowie in einer Gebirgsbar, einem Oceandancing und einer Weinabteilung. Besuche dergleichen – halte dich aber an deine gute bewährte Tracht: kurze Hosen, kleiner Hut (siehe oben). Sieh dich sodann im Raume um und sprich: „Na, elegant ist es hier gerade nicht!" Haben die anderen einen Smoking an, so sagst du am besten: „Fatzkerei, auf die Reise einen Smoking mitzunehmen!" – hast DU einen an, die anderen aber nicht, mach mit deiner Frau Krach. Mach überhaupt mit deiner Frau Krach.
Durcheile die fremden Städte und Dörfer – wenn dir die Zunge nicht heraushängt, hast du falsch disponiert; ausserdem ist der Zug, den du noch erreichen musst, wichtiger als eine stille Abendstunde. Stille Abendstunden sind Mumpitz; dazu reist man nicht.
Auf Reise muss alles etwas besser sein, als du es zu Hause hast. Schieb dem Kellner die nicht gut eingekühlte Flasche Wein mit einer Miene zurück, in der geschrieben steht: „Wenn mir mein Haushofmeister den Wein so aus dem Keller bringt, ist er entlassen!" Tu immer so, als seist du aufgewachsen bei…
Mit den lächerlichen Einheimischen sprich auf alle Fälle gleich von Politik, Religion und Krieg. Halte mit deiner Meinung nicht hinterm Berg, sag alles frei heraus. Immer gib ihm! Sprich laut, damit man dich hört – viele fremde Völker sind ohnehin schwerhörig. Wenn du dich amüsierst, dann lach, aber so laut, dass sich die anderen ärgern, die in ihrer Dummheit nicht wissen, worüber du lachst. Sprichst du fremde Sprachen nicht sehr gut, dann schrei: man versteht dich dann besser.
Lass dir nicht imponieren.
Seid ihr mehrere Männer, so ist es gut, wenn ihr an hohen Aussichtspunkten etwas im Vierfarbendruck singt. Die Natur und die anderen Besucher haben das gerne.
Handle. Schimpfe. Ärgere dich. Und mach Betrieb.
Kurt Tucholsky (1890–1935)